Manche Filme wirken am meisten nach, wenn man vorab keinerlei Infos über die Handlung oder den Film an sich sammelt. Erst recht, wenn es sich um ein Biopic handelt, also ein Film über eine Person die es tatsächlich gibt oder gab. Wie John Davidson. Den kennst du nicht? Willkommen im Club.
Verflucht normal, der im Original „I Swear“ heißt, ist so eine Filmbiografie, die einem beim ersten anschauen in eine komplett unbekannte Welt wirft und am Ende sprachlos, schlauer und fasziniert zurück lässt.
Die Handlung
In einer Kleinstadt in Schottland wächst John Davidson als normaler Junge mit Interesse für Fussball auf. Als er im Alter von 12 Jahren plötzlich Tics und Anfälle bekommt, sind die Menschen um ihn herum völlig überfordert. Keiner weiß mit der Situation umzugehen. Selbst der Vater verlässt irgendwann die Familie und lässt die Mutter, die in meinen Augen auch so schon nicht gerade mit Wärme und Liebe glänzt, mit John und seinen Geschwistern alleine.
Die nächsten Jahre vergehen in der Hoffnung, das es irgendwann schon vorbei geht und besser wird. John bekommt Medikamente, die ihn offensichtlich eher ruhig stellen sollen und lebt mit seiner Mutter isoliert zusammen – die auch Jahre später eher einen resignierten und gebrochenen Eindruck auf mich gemacht hat. Na immerhin kümmert sie sich noch – das ist schon mal etwas.
Als Zuschauer begreift man spätestens jetzt, das John unter Tourette leidet und es für diese Erkrankung zu dieser Zeit weder eine Diagnose noch irgend eine Art Anerkennung gibt. Das Leben wird für John alles andere als leicht, da ihm Verständnis für sein Leiden nicht entgegengebracht wird.
Die große Wendung kommt, als John einen alten Freund aus der Schule trifft und dieser ihn mit nach Hause nimmt. Dort lernt er Dottie kennen, eine Krankenschwester, die von Anfang an sehr empathisch und offen John gegenüber tritt. Sie wird ihn von den starken Medikamenten wegbringen und ihn schließlich in die Familie und damit in ein sichereres Umfeld aufnehmen.
Er lernt Tommy kennen, der ihn nach einem super witzigen Einstellungsgespräch als Assistent des Gemeindezentrums einstellt und eine unglaubliche Neuigkeit lässt einen als Zuschauer schon aufatmen – doch es werden noch einige Prüfungen auf John zukommen, die es zu meistern gibt und die einen selbst ganz schön emotional in die Magengrube treffen.
Die Einleitung des Films, so viel sei verraten, zeigt, wie die Queen persönlich das „Problemkind“ mit dem Orden des British Empire auszeichnet. Wie John den Weg zu einem selbstbestimmten Leben findet und irgendwann merkt, wie er mit seinen Erfahrungen anderen Menschen helfen kann und zur Inspiration für viele wird – das zeigt „Verflucht Normal“ mit Humor, Sozialkritik und ganz viel Emotionen. Also ich hab einige Taschentücher gebraucht – aber das ist nicht unnormal 🙂

Mein Fazit
Ist es ein Drama? Ja. Darf man lachen? Unbedingt! Regisseur Kirk Jones, dessen Film „Lang lebe Ned Devine!“ vielleicht einigen von Euch noch ein Begriff ist, hat hier die Lebensgeschichte von einem Mann verfilmt, den man doch eigentlich nur kennt, wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt und das ganze noch in die Britische Richtung verfolgt… also eher nicht. Und gerade deswegen ist es eine so schöne Erfahrung geworden. Warm, emotional, spannend, mal lustig und mal tief traurig. Warum Robert Aramayo nicht für den Oscar nominiert war, ist eine Schande für die Academy – zumal er beim BAFTA-Award immerhin gegen Leo DiCaprio und Timothée Chalamet triumphiert hat. Was solls.
Ich würde sagen: Unbedingt anschauen. Das Thema ist wichtig. Verständnis fehlt in vielen Bereichen immer noch und viele erkennen auch heute noch nicht die Schwierigkeiten mit denen Tourette-Erkrankte jeden Tag kämpfen und die Ausgrenzung unter der sie oft leiden müssen.
Filmtipp? Ja.
Kurz und Knapp
Regisseur: Kirk Jones
Darsteller: Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan
Deutscher Kinostart: 28.05.2026 – läuft aber schon auf Amazon Prime zum Beispiel.
Lauflänge: 121 Minuten
FSK: 12
