Gott Sei Dank jetzt ists vorbei

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Nur einen Tag nach dem grandiosen und auch in meinen Augen wohlverdienten Sieg der deutschen Nationalmannschaft laufen im Radio Siegeshymnen der letzten Jahre oder Jahrzehnte hoch und runter. Rundfunkanstalten werden im Feierrausch kaum eine Sendeminute ohne eine erhobene Schwarz-Rot-Gold-Fahne auf den Weg schicken und wir Deutschen sind müde aber glücklich. Was hat sie Leiden müssen, die Nationalelf?! Was hat sie vom Trainer Löw angefangen bis hin zum letzten Feldspieler alles für Kritiken einstecken müssen?
Und nun? Im kollektiven Dauerorgasmus werden wieder Fähnchen geschwenkt. Werden Witzbilder über WatsApp geschickt und besoffen Meistersprüche posaunt. Wochenlang wird nun wieder gegenseitig solange auf die Schulter geklopft, umarmt, abgeklatscht und zweifingergepeaced bis sich die Gute-Laune-Balken biegen. Doch wer hat eigentlich die ganze Arbeit gehabt? Hat sich wochen-, wenn nicht monatelang überrichtig ernährt, asketisch gelebt, trainiert bis zum Umfallen und auf den jetzt errungenen Titel hingearbeitet? Genau: Die Nationalmannschaft. Inklusive Ihrer tollen Entourage haben diese Jungs die Arbeit gehabt. Nicht Ihr Möchtegernfussballspieler, nicht Ihr Amateur-Schiedsrichter und Spielverbesserer und nicht Ihr selbsternannten Sachverständigen oder Sportreporter.
Was mich schon immer gestört hat: Das WIR. WIR haben gut gespielt! WIR sind weiter! WIR sind jetzt Weltmeister. Wenn ein Spiel nicht so gut läuft, heißt es im Gegensatz dazu gleich „DIE haben“. Was soll das? Nichts gegen Fans, Fans feuern Ihre Mannschaft an, tragen Sie mit Begeisterung zum Sieg. Fans bezahlen den ganzen Zirkus und Fans braucht der Spieler zur Motivation. Aber der ganze, zeitlich alle zwei Jahre (EM, WM) kurz aufflammende Rummel um Nationalstolz und Leidenschaft, der geht mir einfach nur tierisch auf den Sack.
Ich freue mich natürlich für die Mannschaft und gratuliere aus tiefstem Herzen – aber ich respektiere und schätze auch Ihre Leistung im sportlichen Sinne so sehr, das ich mich nicht erdreiste nach 110 Minuten die Public-Viewing-Leinwand mit „Nun lauf doch schneller!!!!“ anzubrüllen. Denn ich weiß, das ich nicht 12, 14 oder 16 Kilometer in 90 Minuten abreiße und dabei noch sprinten, schießen, flanken, annehmen und DENKEN kann. Der Durchschnittszuschauer zuhause am Fernseher ist wahrscheinlich froh wenn er in der Halbzeitpause noch den Arsch aus dem Sessel bekommt.
Schlaaaaand ist Weltmeister. So soll es also sein. Wenn in ein paar Wochen die Euphorie wieder gegen 0 geht, die Fähnchenstangen aus dem Autoscheibenprofil gekratzt werden und die originalen Trikots aus der Türkei bis zur nächsten Europameisterschaft im Schrank verschwinden – ja in ein paar Wochen ist der Zauber wieder weg und ich frage mich: Wie schafft es der Mensch nur immer wieder, sich zu solch einer Veranstaltung zu pushen, mitzufiebern und kurz danach ist Ihm das alles eher Schnuppe? War es dann echte Liebe oder nur eine Urlaubsbekanntschaft? Ist es Liebe zum Sport oder eher die Freude darüber, legitim Frühabends schon Bier in den Schlund zu kippen ohne sich schämen zu müssen?
Nichtsdestotrotz ist es schön, sein Land an der Weltspitze zu sehen. Die vergangenen Wochen haben uns alle schön von den alltäglichen Problemen etwas abgelenkt und Jogi Löw wird von seinen Kritikern erstmal hochgehalten. Die Weltpresse lässt „Deutsche Panzer wieder rollen“ und unser Ruf als Saubermann ist in aller Munde. Besser gehts doch nicht, oder? Das beste daran ist ja auch, das wir im nächsten Turnier eigentlich nur genauso gut oder schlechter sein können. Und dann können sich die Kritiker Ihr Lätzchen umbinden und alles, was uns die letzten Wochen gefallen hat in der Luft zerreißen. Der deutsche Bürger wird dann wieder sein Recht auf freie Meinungsäußerung vertreten und lauthals mitschimpfen. So geht die Kurve jetzt hoch und dann wieder runter. Immer weiter. Auf und Ab.
Auch gut zu dem Thema passend: Schweinsteiger der „Blutkrieger“

man liest sich!
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