Think about that Way

Michael vor einer Wand aus PostIts

Kennt ihr das? Es ist Morgens und der körpereigene Akku ist schon wieder am Limit und gar nicht richtig geladen. Jeder hatte diesen Zustand schon einmal – da bin ich mir sicher. Aber was wenn ein negatives Gefühl einen überrollt, und man den Eindruck bekommt, gar nicht mehr aus diesem Tief zu kommen. Wenn das Wollen jeden Tag einem Müssen weicht?

Klar sind Symptome wie Antriebslosigkeit, schlechte oder gedrückte Stimmung und Freudlosigkeit leicht einer Depression zuzuordnen. Aber so einfach wie eine Antwort in diese Richtung wäre, so wenig würde ich sie auf mich beziehen oder gar ernst nehmen. Es wäre im Moment einfach nur schön, ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Ich glaube das geht vielen Menschen in der heutigen Zeit so. Zwischen Arbeit und Privaten Verpflichtungen bleibt einfach kein Raum zum Durchatmen.

Gestern haben wir lange darüber gesprochen, das ich mich seit einiger Zeit selbst so sehr verplane und mit Aufgaben überwerfe, das mir das nicht gut tut. Das stimmt. Die Nächte sind kurz, weil die Ruhe, die sehr spät Abends eintritt, einfach zu verlockend ist. Ein bisschen Talkshow Geblubber, bisschen Youtube-Gesabbel… Das tut nicht weh und strömt einfach durch einen hindurch.

Wenn nur nicht nach der kurzen Nacht wieder ein aufregender Tag folgen würde – und so weiter und so weiter. Arbeit, Vereinstätigkeiten, Nebengewerbe, Familie, Zuhause, Hobbies die man irgendwie gerne mal machen würde… gemischt mit scheiß Zustand der Umwelt, scheiß Weltgeschehen, scheiß Politik, scheiß Urlaubsplanung, scheiß lange Schlange im Supermarkt, scheiß Raser auf der Umgehungsstraße – manchmal ist einfach alles Scheiße und man könnte einfach nur aus der Haut fahren oder abhauen. Aber das ist keine Alternative und keine Lösung. Ausreißen ist Bullshit. Und für diesen Bullshit bin ich einfach schon zu alt.

Aber noch nicht so alt, das ich zu allem sage: „Früher war alles besser!“

Klar gab es früher bessere Filme und Serien, kein Internet das den Menschen von Kleinkindalter aufwärts versaut, nicht so viele Allergien und Psychosen, langsamere Autos und viel mehr „ZEIT“… Ja genau, Zeit hatten wir früher einfach viel mehr. Saubere Zeit. Unbelastete Zeit.

Ohne Handy, hast du jemanden direkt angesprochen oder besucht. Die Nachrichten hast du aus dem Radio oder Abends aus dem Fernsehen erfahren. Der Weg in den Urlaub oder auch einfach nur zur Arbeitsstelle war nicht geprägt von Panikattacken, weil wieder nur Idioten auf der Straße unterwegs waren. Egal ob per pedes, Zweirad oder im Auto.

Wenn man gerade nichts zu tun hatte, war man kurz alleine mit sich und seinen Gedanken. Hatte Ideen oder einfach nur Zeit zum durchatmen. Zum Bücher lesen und malen. Zum Geschichten erfinden, Schatzkarten ausdenken, in den Himmel starren oder einfach nur rumsitzen. Ohne schlechtes Gewissen. Heute ist das schwer geworden.

Ich nehme mich da nicht aus. Ich kann nicht mehr ruhig Nichts machen. Bin immer überall erreichbar und möchte ständig und überall unterhalten werden. Nur nicht unbedingt von reellen Menschen. Denn da muss ich interagieren. Da muss ich antworten und Stellung beziehen. Da soll ich gut gelaunt oder wenigstens unterhalten. Kreativ sein, mitmachen, teilhaben und anpacken.

Doch etwas ist mir in diesen Momenten abhanden gekommen: die soziale Ader. Sie ist irgendwie einfach weg. Das, was man Sozialkompetenz nennt, ist mir spätestens seit Corona verloren gegangen.

Und wenn ich mich dann doch mal unterhalte, wenn ich im Gespräch bin, plappere ich wie ein Wasserfall und höre gar nicht mehr auf, bis mein Gegenüber das Weite sucht oder zumindest versucht, dazwischen zu grätschen. Bis ich selbst merke, das ich zu viel mache. Früher nannte man das Sprechdurchfall.

Also ist das doch eher ein Defizit, das ausgeglichen werden muss? Aber wie bin ich überhaupt hier hin gekommen? War ich nicht mal mittendrin statt nur dabei? Seit wann habe ich das Gefühl, nichts mehr zu einer Unterhaltung beitragen zu können? Oder ist es vielleicht eher ein Resignieren, weil sich meine Meinung mit steigendem Alter verhärtet hat oder ich mir schlichtweg überhaupt mal eine Meinung gebildet habe? Als ich jung war, lachte und witzelte man unangenehme Themen manchmal einfach weg oder sparte sie gänzlich in der Öffentlichkeit aus. Dafür gab es die Besten, die engsten Freunde. Das nicht hackbare Grab von Geschichten, die genau das meistens auch blieben was sie sein sollten: Geheimnisse und Privatsache. Manchmal hilft es ja auch, eine Sache einmal auszusprechen oder aufzuschreiben. Wie beim Tagebuch. Dann es es besser. Manches Problem ist zu einem Exproblem geworden weil man es in Worte gefasst hat anstatt vor dem Gespenst Angst zu haben.

Im Gegensatz zu heute, wo jeder, der es schafft, grenzdebil seine Meinung über die Tastatur des Smartphones, Tablets oder Computers in die Welt zu kotzen, denkt, über alles und jeden Bescheid zu wissen. Jeder schleudert jedem unreflektiert, undurchdacht, oft sinnfrei aber meist nicht Fehlerfrei sein Halbwissen entgegen und kommentiert was das Zeug hält. Und genau das mache ich nicht. Hab ich nie, werde ich auch digital nicht machen.

Wenn ich um einen Rat gefragt wurde, dann habe ich aus tiefstem Herzen versucht zu helfen. Und das meist sogar uneigennützig. Mit meiner Empathie war ich doch immer so ein guter Gesprächspartner. Positiv. Hilfreich. Egal was es war, ich wußte fast immer eine Lösung. Für mein Gegenüber.

Meine eigenen Gefühle und meine Meinung konnte ich für mich finden und sie für mich bewahren. Heute habe ich oft das Gefühl, meine Meinung eher verstecken zu müssen. Denn diese meinem Gegenüber zu erklären oder sie zu verteidigen oder noch besser, mich auf eine gegenteilige Meinung umständlich einzulassen – das ist am Ende einfach anstrengender, als einer Unterhaltung von vorneherein aus dem Weg zu gehen.

Ich mag nicht über Politik diskutieren, auch wenn das in der heutigen Zeit unbedingt notwendig und wichtig ist. Ich mag nicht mit Schwurblern sprechen, die ernsthaft den Klimawandel verneinen, die politisch mehr wissen als „Die Da Oben!“, die den Himmel fotografieren weil Kondensstreifen in unterschiedlichen Luftschichten für sie Chemtrails sind, für die eine Impfung einer Todesspritze gleichkommt, jeder Ausländer schlecht ist, jeder Grüne dumm und alles Neue sowieso Teufelskram. Die sich wirklich die 1940er Jahre wiederwünschen ohne sich klar zu machen, das auch damals niemand einen Plan hatte, aber alle der einfachten (End)-Lösung nachgelaufen sind. Koste es was es wolle.

Aber ich schweife ab.

Was ist denn nun mit meiner Saft- und Kraftlosigkeit? Ist es Burn-Out? Bin ich im besten Wortsinne einfach Lebensmüde? Ist es was medizinisches oder werde ich langsam einfach nur alt und blöde?

Ich glaube, mir fehlt einfach nur der Punkt, an dem alles erledigt ist und an dem man sich entscheiden kann, ob man eine Pause macht oder etwas neues anfängt.

Das ging doch früher auch so? Oder? Man hat etwas hergestellt, gebastelt, etwas organisiert, unternommen oder gefeiert und dann war es auch wieder gut. Man hatte eine finale Linie. Eine Deadline quasi. Vieles war anstrengend aber am Schluss „Endlich“. Man hat an der Arbeit Projekte und Aufgaben gehabt die irgendwann abgeschlossen waren. Unsere Baustelle zu Hause, ein Schrecken mit Ende.

Im Moment ist alles nur wie ein dunkler Tunnel, dessen Ende man nicht sieht, die Taschenlampe aber schon immer mal flackert. Es zermürbt. Es demotiviert. Es macht grau. Und im Magen flau.

Ich schau mir mein Gesicht an und es ist manchmal seltsam verquollen und krank. Blass und wachsig. Mein Bart wird grau und die Augen kriegen dicke Tränensäcke.

Mein Schatz hat mir gestern ins Gewissen geredet. Sie ist ein wenig durchgedrungen. Die meisten anderen stoße ich eh nur weg um selbst Luft zu bekommen. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Mut und innerer Stärke. Und manchmal auch ein bisschen Weisheit. Die meisten Menschen, ich inklusive, versuchen instinktiv, alle Herausforderungen alleine zu bewältigen, um niemanden zur Last zu fallen oder sogar schwach zu wirken. Doch manchmal ist es klug, die eigenen Grenzen zu sehen und Unterstützung zuzulassen.

Wenn ich in meinen Kalender schaue, ist da schon die nächste Veranstaltung, das nächste Projekt für das Vorbereitungen getroffen werden müssen, die nächste Unruhe – und dabei will ich doch einfach mal nur ausschlafen und aufwachen und einfach mal denken: „Es ist gerade überhaupt nichts zu tun, nichts liegt an.“

In meiner Vorstellung koche ich mir dann einen Kaffee, setze mich irgendwo in die Sonne auf eine Mauer und mache…

Nichts.

Und dann kann ich vielleicht auch anfangen das zu machen, was ich am liebsten machen möchte … schreiben.

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Michael Necke mit grimmigem und mit nett lächelndem Gesicht

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47 Jahre, Skeptiker, Querulant, Misanthrop, Lieblingsmensch, Perfektionist, Schlamperich, Harmonie-Sucher, bester Freund, schlimmster Feind, Vater, Sohn, Ehemasseur.

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