Aversion.

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Stress entsteht in der Regel durch äußere Einflüsse, wenn man in eine Situation gerät die einem Angst macht oder durch Lärm zum Beispiel. Das ruft wiederrum Reaktionen des Körpers hervor. Bei mir machen sich Stressanzeichen in zweierlei Richtung bemerkbar. Es gibt den guten Stress, der mich wachsamer, effektiver und leistungsfähiger macht. Und dann gibt es noch den sich früh ankündigenden, psychischen, für fast jeden in meinem Umfeld unverständlichen "Mich-regt-alles-auf-" oder auch "Roter-Tuch-Stress.

Gleich einem Stier (aha! mein Sternzeichen!) der dem Tuch des Stierkämpers folgt und aggressiv wird, steigt auch in mir die Wut auf alles und jeden. Ein bisschen Unterricht sei mir hier gleich mal gestattet: der Stier jagt nicht dem roten Tuch hinterher sondern den hektischen Bewegungen des Torreros. Der Bulle ist wie alle Rinder farbenblind für Rot – er hat keine Zapfen für rotes Licht. So, genug klug geschissen…

Vielleicht ist es gut, ab hier auf Henry Chinaskis Pfaden zu wandeln. Wer ihn nicht kennt: Henry Charles „Hank“ Chinaski ist Charles Bukowskis alter ego. Wenn Du Charles Bukowski nicht kennst: google ihn! Mit seiner Romanfigur erlebt und beobachtet man als Leser die Menschen um Ihn herum und erfährt ungefiltert, was Henry über diese Individuen, die Dinge drumherum und sich selber, denkt. Bukowski könnt Ihr mal lesen. Ich finde ihn äußerst unterhaltsam. Nichts für schwache Gemüter, aber sehr unterhaltsam…

Warum heißt dieser Text Aversion?

Ein Tag im Freibad. Man kann mich mit wenigen Dingen mehr stressen als mit Menschenansammlungen, die ich nicht sonderlich mag. Freibäder oder Einkaufspassagen sind, im Gegensatz zu vollen Kirmeszelten oder Konzertarenen, solche Menschenansammlungen. Zum Einen wollte ich nicht in dieses Freibad und habe nur mit knirschenden Zähnen zugestimmt. Zum anderen habe ich aber recht früh (auf der Hinfahrt) beschlossen, meine Gedanken als Übung zu sammeln und diesem miesen Tag einen feierlichen Anstrich zu verpassen. Mit Wut im Bauch – geht’s auch.

Hier also ein Besuch im Urlaubsfreibad, aus der Sicht und im Sprech von Bukowskis Henry Chinaski.

Ich liege mit dem Gesicht zur Seite gedreht auf einer karierten Picknickdecke und die Sonne brennt unablässig auf meinen nackten Rücken. Ein älterer Herr, offensichtlich jenseits des halben Jahrhundert an Alter fortgeschritten, grault sich ungeniert, ausdauernd und für alle sichbar am Gemächt. Bei all den Kindern um uns herum tippe ich fast auf pädophil. Das Schwein. Eine jugendliche Gruppe Halbstarker liegt nur unweit meines Graslagers und raucht fröhlich inmitten der nichtrauchenden Liegewiese vor sich hin. Auf den ersten Blick erkenne ich jeden Typen der Generation XY ungelöst. Kurze Haare, lange Haare, gepierct, getunnelt, lackiert, genagelt, tätowiert, rasiert und unrasiert, dick und dünn. Genießen die bildungsfreie Zeit zwischen der bildungsfreien Zeit.

Heidi Klums Topmodels wechseln sich mit angsteinflößenden Weibsbildern ab. Hängende oder nicht vorhandene Oberweiten präsentieren sich mehr schlecht als recht verpackt. Bein-, Rücken- und Brustbehaarung bei Mann und Frau. Neben Gerippen pressen sich Fettwülste in viel zu wenig Stoff. Ich sollte auch mal wieder abnehmen.

Die Augen geschlossen beginne ich den Versuch zu entspannen. Es gelingt mir nur bedingt. Das Donnern der unweit gelegenen Sprungbretter, die ausgiebig von jungen Männern genutzt werden um flirtwilligen Damen zu imponieren lässt mich immer wieder zusammenzucken. Kinder quietschen auf der ausgeleierten Mini-Riesenrutsche. Eine Ameise krabbelt vorsichtig unter meine Sonnenbrille als würde auch sie Zuflucht vor dieser Soundkulisse suchen.

Etwas Unterhaltung verschafft mir zumindest kurzfristig ein dickes Mädchen, das dumm genug war, sich direkt neben dem Duschbereich zu platzieren und sich nun unablässig über die feuchtfröhliche Dusche jedes Einzelnen Badegastes zu beschweren, die sie zur Hälfte abbekommt. Dann wechsel doch einfach deinen Platz du Rindvieh! Ihr Vokabular lässt mich ihr Alter sehr niedrig einschätzen, aber auch das muss heutzutage ja nichts mehr heißen. RTL lässt grüßen. Bildungsfern sehen.

Kaffee und Kippe

Mit geschlossenen Augen türmt sich dieses Konzert der wirren Stimmen und Töne zu einem Lärmbrei, vergleichbar mit der Einflugschneise am Flughafen einer Großstadt, auf. Mir reichts. Kinder rennen an mir vorbei und schütteln scheinbar absichtlich alles an Wasser von sich ab, was geht. Ich verzichte auf den Platz an der Sonne und besorge mir einen Kaffee an der Fresstheke der Badeanstalt. Wie überall wird auch hier das Standardmenü für Urlauber geboten: Pommes mit Currywurst, Pommes mit Schnitzel, Chicken Nuggets – wen wunderts: mit Pommes. Und Wiener. Ok.

Der Kaffee ist dankbar heiß und versengt mir die Zunge. An einem runden Klapptisch kann ich nun verfolgen, was sich in diesem Bereich des Spaßbades an menschlichen Tragödien abspielt. Ich zünde mir genüßlich eine Zigarette an. Lolitas und Jungmacker spaßen sich an und eine – mir fällt nichts anderes ein als – äußerst fettleibige Dame kümmert sich aufopferungsvoll um ihre zwei ebenfalls übergewichtigen Enkel. Brüllend zieht sie einen der beiden ruppig an seinem Arm vom Getränkeautomaten weg. Ich habe Angst um den kleinen. Fällt sie jetzt vornüber, wird sie das Kind ohne Schwierigkeit zerquetschen.

Ein junger Mann imponiert mir immerhin. Er raucht Shisha und kümmert sich keinesfalls um die ringsum sitzenden Gäste die er einqualmt. Respekt vor so viel Respektlosigkeit. Ich beschließe vorm Gehen die Toiletten aufzusuchen. Sie sind geflutet wie nach einem Hochwasser und, bitte lieber Gott, lass es auch wirklich Wasser sein…

Während ich das Spaßbad Richtung Ruhe verlasse, höre ich den Bademeister noch rumbrüllen. Irgendwas in Richtung der jungen Turmspringer. Die haben´s wohl doch übertrieben. Der Mann vom Kaffeestand wühlt in einem Mülleimer rum und fischt eine Bildzeitung heraus die er tatsächlich wieder auf den Stapel der anderen legt. WTF?

Es ist ein schöner Tag, denke ich. Und gehe.

man liest sich!
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